Der 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland wurde im Hamburger Rathaus gewürdigt. Neben der Anerkennung für die Arbeit der ersten Generation standen der Kampf gegen Altersarmut und der Ruf nach Gleichberechtigung im Mittelpunkt.
HAMBURG / NACİYE ASLAN — Die SPD-Fraktion Hamburg veranstaltete am Freitag, dem 30. Oktober 2026, im Kaisersaal des Hamburger Rathauses einen Empfang unter dem Titel „Gemeinsam gewachsen: 65 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland–Türkei“.
Die Veranstaltung zum Jahrestag des am 30. Oktober 1961 unterzeichneten Abkommens moderierte der Bürgerschaftsabgeordnete Ali Kazancı. Die Redebeiträge würdigten die Arbeit und den Mut der ersten Generation sowie die Rolle der nachfolgenden Generationen für die Gegenwart und Zukunft der Stadt.
Kienscherf: Wir sind alle Hamburgerinnen und Hamburger
Der Vorsitzende der SPD-Fraktion Hamburg, Dirk Kienscherf, erklärte, die deutsche Einwanderungsgeschichte lasse sich nicht von Anfang an als reibungslose Erfolgsgeschichte erzählen. Zunächst sei man nicht davon ausgegangen, dass die Menschen dauerhaft bleiben würden. Beim Empfang und bei der gesellschaftlichen Anerkennung habe es Schwierigkeiten gegeben.
Ein Teil der Menschen aus der Türkei sei zurückgekehrt, andere hätten sich hier ein Leben aufgebaut. Diejenigen, die geblieben seien, seien zu einem untrennbaren Bestandteil der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Hamburgs geworden.
Kienscherf erinnerte an rechtsextreme Morde und rassistische Angriffe und äußerte Sorge über erneut zunehmenden Rassismus. Die Weltoffenheit Hamburgs zu bewahren, sei eine gemeinsame Verantwortung. Unabhängig von ihrer Herkunft seien alle Hamburgerinnen und Hamburger und entwickelten die Stadt in unterschiedlichen Bereichen von der Wirtschaft bis zur Verwaltung gemeinsam weiter.
Leonhard: Vom Arbeitskräftebedarf zu dauerhaften gesellschaftlichen Bindungen
Hamburgs Senatorin für Wirtschaft und Innovation, Melanie Leonhard, sagte, das ursprünglich als Antwort auf den Arbeitskräftebedarf Westdeutschlands geschlossene Abkommen habe im Laufe der Zeit dauerhafte Bindungen zwischen Menschen und Familien geschaffen.
Der Prozess sei zu einer Erfolgsgeschichte geworden, die Hamburg wirtschaftlich und gesellschaftlich geprägt habe. Die damit verbundenen Schwierigkeiten dürften jedoch nicht vergessen werden. Während in den ersten Jahren Arbeits- und Wohnbedingungen geregelt worden seien, habe es an ausreichender Unterstützung beim Spracherwerb, beim Nachzug von Familien und bei der gesellschaftlichen Teilhabe gefehlt.
Mit dem demografischen Wandel gewännen ausländische Beschäftigte für den Hamburger Arbeitsmarkt an Bedeutung. Menschen dürften nicht allein als Arbeitskräfte betrachtet werden, betonte Leonhard. Leonhard betonte, wie wichtig es sei, vom ersten Tag an Zugang zu Angeboten vom Spracherwerb und der Bildung bis hin zu Betreuungsleistungen und Familienzusammenführung zu haben.
Alver: Die Arbeit der ersten Generation legte den Grundstein für die gemeinsame Zukunft
Der türkische Generalkonsul in Hamburg, Berati Alver, erklärte, die Beziehungen zwischen beiden Ländern reichten weiter zurück als das Anwerbeabkommen. Alver sagte, die von Menschen geteilten Erfahrungen und Erinnerungen hätten diese Verbindungen gestärkt.
Viele der ersten Arbeitskräfte hätten in der Türkei eine Berufsausbildung abgeschlossen, in Deutschland aber körperlich schwere Arbeit verrichtet. Mit ihrem Einsatz und ihren Entbehrungen habe die erste Generation erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen.
Aus der zunächst als vorübergehend gedachten Arbeitsmigration sei durch die Gründung von Familien und das Heranwachsen nachfolgender Generationen eine dauerhafte gesellschaftliche Verbindung entstanden. Die türkische Gemeinschaft sei heute ein untrennbarer Teil der deutschen Gesellschaft und eine wichtige Brücke zwischen beiden Ländern.
Alver verwies auf die Beiträge der nachfolgenden Generationen in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kunst. Gemeinsames Ziel müsse eine Gesellschaft sein, in der Teilhabe und Chancengleichheit selbstverständlich seien.
Çağlar: Dank an die erste Generation, Gerechtigkeit für die Rentnerinnen und Rentner
Die Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Mehtap Çağlar, schilderte anhand ihrer eigenen Familiengeschichte den Mut der ersten Generation und deren Einsatz für ein besseres Leben ihrer Kinder.
Mit wenig Unterstützung seien die Menschen in ein Land gekommen, dessen Sprache und Kultur ihnen unbekannt gewesen seien. Durch ihre Arbeit in Fabriken und auf Baustellen hätten sie zum Wohlstand Deutschlands beigetragen. Çağlar erklärte, neben der Dankbarkeit für die Arbeit der ersten Generation müsse auch Verantwortung für die Lösung der Probleme übernommen werden, mit denen diese Generation heute konfrontiert sei.
Çağlar machte auf die niedrigen Renten türkischer Rentnerinnen und Rentner aufmerksam. Sie bezifferte die durchschnittliche Monatsrente auf 860 Euro und thematisierte Altersarmut. Die Situation von Frauen sei noch schwieriger. Das Problem dürfe nicht als persönliches Versagen angesehen werden.
Die SPD sei für die Generation ihrer Eltern eine politische Heimat gewesen, sagte Çağlar. Gerade bei jüngeren Generationen sei diese Bindung schwächer geworden. Menschen türkischer Herkunft erwarteten eine Politik, die Alltagsprobleme löse, Vertrauen schaffe und ihre Rechte gegen Diskriminierung verteidige. Aus der gemeinsamen Geschichte müsse eine gemeinsame Zukunft ohne Altersarmut und Ausgrenzung entstehen, in der alle gerecht teilhaben könnten.
Kaplan: Auch wir müssen am Entscheidungstisch sitzen
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Hamburg und Umgebung, Murat Kaplan, richtete den Blick neben der Würdigung vergangener Leistungen auf die Gestaltung der Zukunft.
Menschen mit Einwanderungsgeschichte leisteten in der Wirtschaft, in Vereinen und in der Politik ihren Beitrag zu Hamburg. Nun müsse es um Teilhabe und gemeinsame Zugehörigkeit gehen. Kaplan forderte dazu auf, in Entscheidungsprozessen aktiv Verantwortung zu übernehmen und selbst am Entscheidungstisch Platz zu nehmen.
Hamburgerinnen und Hamburger unterschiedlicher Herkunft teilten ein gemeinsames Leben in derselben Stadt. Kaplan hob die Bedeutung der Vereine für gemeinsames Handeln und Solidarität hervor. Die Zukunft Hamburgs gemeinsam aufzubauen, sei eine gemeinsame Aufgabe.
Musik beim Empfang
Den musikalischen Teil der Veranstaltung gestaltete der Künstler Volkan Baydar (ELBE RECORDS). Der Empfang verdeutlichte, dass die mit der Arbeit der ersten Generation begonnene gemeinsame Geschichte heute mit den Forderungen nach Zugehörigkeit, Gerechtigkeit und gleichberechtigter Teilhabe fortgesetzt wird.
Eindrücke vom Empfang