Beim Gedenken an Ramazan Avcı in Hamburg wurde betont, dass Schweigen angesichts von Rassismus Mitschuld bedeute. Politik und Gesellschaft wurden ausdrücklich aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen.
HAMBURG – In Hamburg wurde des aus Isparta stammenden Ramazan Avcı gedacht, der am 21. Dezember 1985 von Neonazis angegriffen und getötet wurde. Die Gedenkfeier fand auf dem nach ihm benannten Ramazan-Avcı-Platz statt, der in diesem Jahr umfassend neugestaltet wurde.

Zu der vom Bezirksamt Hamburg-Nord und der Ramazan-Avcı-Gedenkinitiative (RAİ) organisierten Feier kamen Avcıs Ehefrau Gülüstan, sein Sohn Ramazan Cem Avcı, sein Neffe Halil Avcı, der türkische Generalkonsul Berati Alver, Hamburg-Nords Bezirksamtsleiterin Dr. Bettina Schomburg, ihr Vorgänger Michael Werner-Boelz, die RAİ-Gründer Rechtsanwalt Ünal Zeran und Soziologe Gürsel Yıldırım, Faruk Arslan, der beim rassistischen Anschlag in Mölln 1992 Angehörige verlor, İbrahim Arslan, Familien von Opfern rassistischer Angriffe aus verschiedenen deutschen Städten, Abgeordnete, Vertreter von Initiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie Bürger. Rund 500 Menschen versammelten sich auf dem Platz, den Studierende des Bereichs Stadtplanung der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) gemeinsam mit der Familie Avcı und der Initiative neugestaltet hatten. Die Veranstaltung verband Gedenken mit einer Botschaft gesellschaftlicher Solidarität.

„Seht und hört Rassismus – und schweigt nicht“
Ramazan Avcıs Ehefrau Gülüstan Avcı betonte in ihrer Rede, ihr Mann sei nicht nur ein Name, sondern ein abgebrochenes Leben. „Uns wurde nicht nur ein Mensch genommen, sondern eine Zukunft“, sagte sie und rief dazu auf, angesichts der Folgen rassistischen Hasses nicht zu schweigen. Sie teilte auch einen bewegenden Brief an ihren Mann mit den Anwesenden.

Rechtsanwalt Ünal Zeran begann seine Rede für die RAİ mit den Worten: „Das Problem heißt Rassismus.“ Auch 40 Jahre nach dem Mord an Ramazan Avcı bestehe die Forderung nach Gerechtigkeit fort. Bei diesen Gedenkveranstaltungen werde bewusst auch an die zahlreichen anderen Opfer rassistischer Angriffe und Morde in Deutschland erinnert.
Forderung nach gesellschaftlicher und persönlicher Verantwortung
Zeran berichtete kurz über die bisherige Arbeit und erklärte: „Erinnern bedeutet nicht nur Trauern, sondern auch die Forderung nach gesellschaftlicher und individueller Verantwortung. Bei unseren Gedenkveranstaltungen erinnern wir bewusst an Mehmet Kaymakcı, Tevfik Gürel, Nguyễn Ngọc Châu, Đỗ Anh Lân, Semra Ertan, Adrian Maleika, Antonio Amadeu, Gustav Schneeclaus, Burak Bektaş, Oury Jalloh, Süleyman Taşköprü und die weiteren Opfer des NSU. Ebenso erinnern wir an die Brandanschläge in Mölln, Solingen und Lübeck, an Halle, Hanau, den OEZ-Anschlag in München und viele weitere rassistische, antisemitische und frauenfeindliche Angriffe und verurteilen sie.“
„Dieser Mord muss offiziell als rassistisch motiviert anerkannt werden“
Zeran erklärte, die Politik in Deutschland erzeuge und schüre Rassismus, und benannte die politischen Forderungen der Betroffenen. Vom Senat und der Bürgerschaft fordere man eine Korrektur des skandalösen Urteils gegen Avcıs Täter. „Dieser Mord muss fortan offiziell als rassistisch motiviert anerkannt werden. Wir fordern eine Entschuldigung dafür, dass Gericht, Staatsanwaltschaft und Polizei den Rassismus geleugnet haben. Wir verlangen eine zentrale Opfervertretung für die Familien, die durch den Verlust ihrer Angehörigen schwer traumatisiert und alleingelassen wurden.“ Der neugestaltete Platz solle insbesondere auf die Gefahr des Rassismus, aber auch auf gesellschaftliche Ungerechtigkeit und Ungleichheit aufmerksam machen und als Ort des Widerstands dienen.

Opferfamilien rufen zum gemeinsamen Kampf auf
Faruk Arslan, der beim rassistischen Anschlag in Mölln 1992 Angehörige verlor,
bekundete in seiner Rede Unterstützung für die Familie Avcı: „Es ist sehr wichtig, dass sie wissen, dass sie nicht allein sind. Wir stehen zusammen und werden nicht vergessen. Dieser Kampf ist nicht nur für uns, sondern für alle Menschen in Deutschland. Er darf sich nicht darauf beschränken, dass wir kommen und von unserem Schmerz erzählen. Politiker dürfen uns nicht bloß als bedauernswerte ‚Opfer‘ sehen, sondern müssen anerkennen, dass wir ein wesentlicher Teil des Kampfes gegen Rassismus sind.“

Ramazan Avcıs Neffe Halil Avcı sagte, die Erlebnisse seiner Kindheit hätten sein Leben tief geprägt. Er fühle sich in Deutschland noch immer nicht vollständig sicher.

İbrahim Arslan, Überlebender des Anschlags in Mölln, erklärte: „Es reicht nicht, den Betroffenen nur zuzuhören. Wir müssen auf die Straße gehen, reagieren und gemeinsam gegen Rassismus kämpfen. Wir sollten heute nicht nur wegen des Mordes an Ramazan Avcı hier sein, sondern auch deshalb, weil wir gemeinsam zum Ziel von Rassismus werden können. In dieser Stadt wurden nicht nur Ramazan, sondern 1980 auch Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lâ, 1985 Mehmet Kaymakcı und 2001 Süleyman Taşköprü durch die Terrororganisation NSU getötet. Diejenigen, die wir seit 40 Jahren bei den Gedenkveranstaltungen nicht sehen, sind die Verantwortlichen.“

Neuer dreisprachiger Gedenkstein enthüllt
Nach dem Gedenkprogramm wurde auf dem gemeinsam von HFBK-Studierenden, der Familie Avcı und der RAİ neugestalteten Platz ein dreisprachiger Gedenkstein der Künstlerin Vān Ngân Hoàng enthüllt.

Die Veranstaltung wurde im Saal der benachbarten Berufsschule fortgesetzt. Dort sprachen auch İsabel Permien von der Bezirksversammlung Hamburg-Nord und Schulleiter Malte Baumann. Anschließend konnten die Gäste eine von Gürsel Yıldırım zusammengestellte Ausstellung besuchen.

Der neugestaltete Ramazan-Avcı-Platz sei nicht nur als Gedenkort gedacht, sondern als dauerhafter Ort des Engagements gegen Rassismus, gesellschaftliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die Tafeln und der neue Gedenkstein sollen die öffentliche Erinnerung lebendig halten.
Wie wurde Ramazan Avcı getötet?
Ramazan Avcı wurde am 21. Dezember 1985 in der Hamburger Straße Landwehr von einer etwa 30-köpfigen Gruppe Neonazis angegriffen, als er mit seinem Bruder und einem Freund auf den Bus wartete. Beim Versuch, die beiden zu schützen, wurde er schwer misshandelt. An Heiligabend erlag er seinen Verletzungen. Sein wenige Tage nach der Tötung geborener Sohn erhielt seinen Namen. Avcı gilt als eine der Symbolfiguren für die Opfer rassistischer Gewalt in Deutschland.







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