In Hamburg ist eine neue Kulturbewegung entstanden, die türkische Kultur, Volkstanz und Theater verbindet. Tiyatro 4 Çeyrek unter künstlerischer Leitung von Coşkun Üresin stellte bei einem besonderen Probentreffen seine Theater- und Folklorearbeit der Presse vor.
Hamburg / Naciye ASLAN

Am Sonntag, 14. Juni, berichteten die Gründer in der Gärtnerstraße 63 persönlich über die Kunstauffassung, Philosophie und künftigen Projekte von Tiyatro 4 Çeyrek.

Kultureller Schwung am Präsentationstag

Die von Tildem Kırtak Gümüşkavak geleitete Folkloregruppe zeigte erfolgreich die intensiv geübten Figuren des Çökertme und schloss die Darbietung mit kräftigen Harmandalı-Schritten ab.

Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu

Direkt nach dem Volkstanz zeigten die Tiyatro-4-Çeyrek-Darsteller Yasemin Keleş und Serkan Karabey Ausschnitte aus „Venedik Ayağınıza Geldi“ von Hatice Solmaz, die früher in Hamburg auch Türkisch unterrichtet hatte.

Digitale Möglichkeiten wurden ebenfalls genutzt: Ensemblemitglied Murat İnce war aus der Türkei online live zugeschaltet.

Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu

Coşkun Üresin inszeniert „Venedik Ayağınıza Geldi“ mit großer Sorgfalt. Die Gesamtkoordination übernimmt Makbule Çevik. Çevik koordiniert zugleich die gesamte Arbeit von Tiyatro 4 Çeyrek.

Das mit großem Engagement auf die Premiere hinarbeitende Tiyatro 4 Çeyrek hat ein Ensemble aus Ertan Çevik, Makbule Çevik, Serkan Karabey, Murat İnce und Yasemin Keleş. Die Gemeinschaft, die zwei kulturelle Grundpfeiler unter einem Dach verbindet, will sich einen dauerhaften Platz in Hamburgs künstlerischem Gedächtnis schaffen.

„Wir machen Kunst, um zu schaffen, nicht um zu konsumieren“

Gründer und künstlerischer Leiter Coşkun Üresin sagte, man zeige der Presse einen ungewöhnlichen Probenprozess, und erläuterte die Einzelheiten der Arbeit.

Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu
(Von links: Tildem Kırtak Gümüşkavak, Coşkun Üresin, Makbule Çevik)

Bei dem Treffen habe man eine natürliche Atmosphäre geschaffen, sagte Üresin. Nach Folklorearbeit unter Anleitung von Tildem Kırtak Gümüşkavak sei eine kleine Theaterdarstellung gezeigt worden. Man stehe am Anfang und arbeite sehr diszipliniert, sei bei jedem Termin pünktlich bereit und beobachte die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Künstler aufmerksam. Als Kunstliebhaber bezeichnete sich Üresin, der Theater sichtbarer machen und breiten Kreisen zugänglich machen wolle.

Die Gründungsphilosophie orientiere sich an den Jahreszeiten, sagte Coşkun Üresin. In Sommer, Winter, Herbst und Frühling solle jeweils ein Stück gespielt werden. „Vier Viertel zusammen bilden ein Ganzes“ , sagte Üresin. Genau darum gehe es im Theater. Wenn Publikum, Schauspieler, Saal und Regisseur eins seien, entstehe ein schönes Stück, sagte Üresin. Das Wesentliche sei ein Gefühl von Einheit und Zusammenhalt.

Die Theatervielfalt Hamburgs sei schön; jeder versuche auf seine Weise Bewusstsein zu schaffen, sagte Üresin. Tiyatro 4 Çeyrek wolle durch selbst geschaffene Kunst bestehen. Kritik solle direkt an das Ensemble gehen: „Denn wir machen Kunst nicht, um zu konsumieren, sondern um selbst zu schaffen“, erklärte er.

„Wir wollen Amateure bleiben“

In diesem Jahr habe er mit seinem Team durch nachbarschaftliche Kontakte am Thalia Theater mitgewirkt, erinnerte sich Coşkun Üresin. Umfeld und Ausstattung seien äußerst professionell gewesen, doch man habe den professionellen Rahmen nicht verlassen können. Bei der kleinsten Störung gehe der gesamte Ablauf plötzlich verloren, sagte Üresin. In Hamburg gebe es bereits genügend von außen kommende Profis; das Ensemble wolle dagegen Talente aus Hamburg selbst fördern.

Den Weg wolle man bewusst mit Amateurgeist weitergehen, sagte Üresin: „Wir wollen Amateure bleiben. In diesem künstlerischen Fluss sollen auch kleine Nuancen, Störungen und sogar Fehler vorkommen. Wir wollen sie natürlich zum Ausdruck bringen. Unser Ziel ist, Menschen die Kunst wirklich lieben zu lassen. Profis sollen weiterhin ihre Arbeit machen; wir unterstützen sie immer. Wir aber wollen den Amateurgeist bewahren.“

Jungen Menschen könne er das Feld nicht als Beruf empfehlen, sagte Üresin. Würde man die Arbeit zu einer Einnahmequelle oder einem Geschäft machen, könnten alle hungern. Als Hobby verlange sie viel Zeit, Arbeit und Belastung. Man erwarte nicht, dass jemand einen reich mache, sagte der künstlerische Leiter. Heute beschäftigten sich alle mit künstlicher Intelligenz, bemerkte Üresin. Daraus entstünden viele Stücke, die leider nicht das gewünschte aufrichtige Gefühl vermittelten: „Deshalb schreiben wir gerade unser eigenes Stück“, schloss er.

Eine kulturelle Lücke wurde zu starker Synergie

Als ihr Weg den des Theatermitgründers Coşkun Üresin kreuzte, habe das Projekt an Fahrt gewonnen, sagte Volkstanzlehrerin Tildem Kırtak Gümüşkavak. Sie sprach über eine kulturelle Lücke in Hamburg und die verbindende Kraft des Volkstanzes. Die Gruppe sei noch neu und arbeite erst seit zwei Monaten zusammen, erklärte Gümüşkavak. Zunächst habe man Harmandalı gelernt, dann sei Çökertme gefolgt, das noch geübt werde. Den Anstoß habe Tiyatro-4-Çeyrek-Gründer Coşkun Üresin gegeben.

Seit der Kindheit sei sie mit Volkstanz verbunden und habe auch professionell darin gearbeitet, sagte Gümüşkavak. Folklore solle in Hamburgs türkischer Gemeinschaft verbreitet und das kulturelle Erbe an kommende Generationen weitergegeben werden. Viele hätten eine solche Lücke gespürt; die bald auf Interesse gestoßene Arbeit solle mit der Zeit zu einer größeren Gemeinschaft werden.

Theater und Folklore gemeinsam zu betreiben sei eine besondere Leistung der Theatergruppe, erklärte Gümüşkavak. Normalerweise übe man zuerst Folklore; danach komme die andere Gruppe zum Theater. Am Präsentationstag wolle man die Dynamik als Ganzes zeigen, sagte Gümüşkavak: „Wir wollten euch diesen Ablauf kurz zeigen, damit ihr seht, was wir hier tun und teilen, wie wir zusammenkommen und wie eine Familie sind“.

Es gebe begrenzte Plätze, aber man sei offen für neue Teilnehmende, ergänzte Tildem Kırtak Gümüşkavak und kündigte Zukunftspläne an. Wenn das System eingespielt sei, wolle man sehr gern eine Auftrittsgruppe bilden. Der mit Zeybek begonnene Prozess sei als 4-monatiger Kurs geplant; später sollten Tänze weiterer türkischer Regionen hinzukommen, sagte Gümüşkavak zum Abschluss.

Bilder vom Präsentationstreffen

Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu
Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu
Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu
Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu
Tiyatro 4 Çeyrek schreibt Hamburgs Kunstregeln neu